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Schallbrett Dresden

Dresden und die Welt

Artikel der Kategorie ‘Theater’

Kann man sich die Verwandtschaft, die Liebe wählen?

März 13, 2008 Von: Ingo Kategorie: Theater Noch keine Kommentare →

Die Natur hat feste Gesetze unter denen sich chemische Verbindungen auflösen und die Elemente neue Verbindungen eingehen. Doch dies ist sicherlich keine Wahl, sondern hängt von der zufälligen Gelegenheit ab, in der andere Elemente anwesend sind, welche diese Reaktionen anregen.
In den Wahlverwandtschaften von Goethe kann man diesem Gedankenexperiment nachspüren. Das Kleine Haus in Dresden entstaubt den Stoff und inszeniert ihn mit jungen Schauspielern. Das Bühnenbild, bestehend aus einer großen Plexiglaswand und einer Hängematte, strotzt von dem innovativen Geist im Kleinen Haus. So wird ein Feuerwerk zu einer Farbbeutelschlacht, indem die Helden die Farbbeutel gegen das Plexiglas werfen.

Eine glückliche Ehe ist der Ausgangspunkt des Beziehungsspiels von Goethe. Eduard und Charlotte lieben sich auf ihrem Gutshof. Braucht man mehr als den Geliebten, um glücklich zu sein? Das Experiment mag beginnen. Eduard möchte einen Freund als Spielgefährten auf den Hof holen, und so sieht sich Charlotte im Trotz dazu veranlasst ihre Freundin Ottilie, um Gesellschaft zu bitten.
Damit ist der Ringelbietz eröffnet und die Wahlverwandtschaften können gesucht werden, wobei es philosophisch immer noch offen ist, ob Glück oder Unglück aus der Konstellation erwächst. Aber es kommt, wie es kommen muss. Sie mit ihm, er mit ihr. Das Glück zerbricht.
Sollte man sein Glück herausfordern oder besteht überhaupt die Möglichkeit es zu konservieren, indem man sich von der Umwelt abschirmt?
Ein Loblied auf stabile Verbindungen wie die Ehe, wohl eher nicht. Der einleuchtendste Entwurf einer Partnerschaft ist der Eheschluß auf Zeit. Auf fünf Jahre heiratet man und dann kann jeder seiner Wege gehen, oder aber, man verbindet sich neu. Allerdings hat sich dieses Modell seit Goethe nicht durchgesetzt, also bleibt weiterhin das Kopfzerbrechen über die ewige Bindung.

Der Tastenflosser im Societaetstheater

März 04, 2008 Von: Ingo Kategorie: Theater 1 Kommentar →

Mit einem Fragezeichen im Kopf betrat ich das Societaetstheater – Tastenflosser? Wohl eine Adaption von Quastenflosser, einem Relikt aus einer unvorstellbaren Zeitepoche – unförmig, sperrig, in keine Kategorie passend. So verhält es sich tatsächlich auch mit dem Tastenflosser. Er sitzt am Klavier und spielt mit seinen Flossen die Tasten. So jetzt ist das Geheimnis gelüftet. Im Mittelpunkt der komischen Satire steht der Künstler am Rande der Gesellschaft. Dr. Halligalli vom Institut für Kommunikationswissenschaft untersucht das Verhalten solch eines Exemplars. Wieso interessiert sich die Forschung für solch einen Künstler?

Der Mensch ist im Prinzip gelangweilt, wenn er sich nicht gerade paart, isst oder schläft. Und genau hier setzt der Künstler an, der den Mensch mit seiner Kunst ablenkt. Außerdem stehen Künstler oft am Existenzabgrund und helfen damit dem Normalo das eigene Leben doch ganz gut zu finden.
Natürlich nimmt die Forschung keine Rücksicht auf die Belange des Künstlers, welcher sich mit quälenden Fragen belastet. Alles muss immer neu sein, unverwechselbar und anspruchsvoll. Das einzige was da hilft, eine Kunstbefreiung.

Falls dies alles zu theoretisch ist, dem empfehle ich das Theaterstück. Ein Spaß für alle Töneliebhaber, Musik- und Wissenschaftsfreunde sowie Laptopfreunde.
Sicherlich ist die Komödie eines der schwierigsten Genre, aber der Tastenflosser ist wirklich göttlich.

Hermann Hesse - Steppenwolf im Kleinen Haus

Februar 26, 2008 Von: Ingo Kategorie: Theater 1 Kommentar →

Als sich mal wieder meine Freundin mithilfe der Mitfahrgelegenheit nach Dresden bewegte, bekam sie von einem Schauspieler am Kleinen Haus den Tipp, Hermann Hesses Steppenwolf zu besuchen. Schon lange hatte ich von Hermann Hesse nichts mehr gehört. Nach meiner Pubertät, in der wohl jeder einmal „Narziss und Goldmund“, „Das Glasperlenspiel“ oder den „Steppenwolf“ streift, verschwand Hesse hinter einer Mauer. Mit zunehmendem Alter verstärkte sich das Bild eines konservativen, alternden Dichters, der einfach nicht mehr zeitgemäß ist.

Doch dieses Bild revidierte die Aufführung von Matthias Gehrt im Kleinen Haus gründlich. Vollkommen entstaubt, unterstützt von dem peppigen Bühnenbild von Joachim Lux, präsentierte sich der Inhalt des Steppenwolfes.
Wahrscheinlich gibt es gewisse Lebensphasen in denen Hesses Sicht der Welt direkt auf den Nährboden der Seele fällt. Zum einen ist es die erwähnte Pubertät, in der man sowieso nach Antworten sucht, und zum anderen Abschnitte im Leben in denen diffuse Lebensentwürfe entwirrt werden müssen. Fragen z.B. Wie soll es weitergehen? Ist das alles was das Leben bietet? Kann ich mich von dem Wahnwitz des Fortschritts befreien? Wie finde ich das Gleichgewicht zwischen rauschhafter Ekstase und den geordneten Bahnen der Väter und Mütter? Ist die Liebe die Macht, die alles andere vergessen macht? Um es mit Faust II zu sagen „Das Unbeschreibliche,/ Hier ist’s getan;/ Das Ewig-Weibliche/ Zieht uns hinan.“

Ist der Humor das einzige Mittel dem Irrsinn der Umwelt zu entrinnen? Viele Seelen beherbergt die Brust Harry Hallers, der um die Antworten ringt. Visuell steht und sitzt Hallers Seele in einem jungfräulichen Zimmer. Die Antwort des Regisseurs kann man symbolisch am Bühnenbild ablesen. Das Zimmer schwebt im sexuellen Akt der Liebe, der rauschhaften, augenblicklichen Freude am Leben, in 10 m Höhe über der Bühne. Haller vergisst seine Sorgen und begreift den Wert des Lebens. Er umarmt das Leben. Dies spitzt sich zu als er seiner Betreuerin, Hermine, das Leben nimmt.
Am Ende bekommt er nach seiner Strafe durch Auslachen die Chance erneut ein Lebensalter zu durchwandern. Da er jetzt über die Fähigkeit des Liebens, Lachens und Tanzen verfügt, sollte es Haller besser gelingen.
Abschließend kann man nur sagen: Hesse lebt! Die Mauer um ihn zerbröckelte durch die Welle des Applaus.